HINTERGRUND

Warum verlieren die meisten Menschen im Laufe der Lebenszeit die Leichtigkeit in ihren Bewegungen, werden steif und unbeweglich, entwickeln Atemeinschränkungen oder chronische Erschöpfungs- und Schmerzzustände?

Diese Frage beschäftigte den Direktor des Instituts für Humanistische Psychologie in San Francisco, Thomas Hanna (1928-1990), einen engen Schüler von Moshe Feldenkrais. Für diesen schleichenden Funktionsverlust machte Hanna eine Störung im sensomotorischen System des Körpers verantwortlich: die sensomotorische Amnesie.

DAS SENSOMOTORISCHE SYSTEM

Sensorik (Wahrnehmung) und Motorik (Bewegung) sind in unserem Körper in einem Regelkreis organisiert und laufen stets parallel ab. Der motorische Teil besteht aus allen Strukturen (Gehirn, Rückenmark, Nerven, Muskeln, Faszien) zur Steuerung von Bewegungen. Die Steuerung kann unwillkürlich, in Form von Reflexen oder willkürlich ablaufen. Den sensorischen Teil kann man als Wahrnehmung oder Körperbewusstsein bezeichnen.

Überall in unserem Körper, in den Organen, den Muskeln und dem Bindegewebe gibt es winzige Sensoren, die dem Zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) den aktuellen Zustand melden sollen. Sie messen z.B. Druck, Dehnung, die Position bestimmter Gliedmaßen und den Spannungszustand der Muskulatur. Diese Informationen werden zusammen mit den Informationen weiterer Sinnesorgane wie Sehen oder Gleichgewichtssinn, zum Gehirn geleitet und zu einem stimmigen Bild verarbeitet.

Im gesunden Zustand können wir also genau wahrnehmen, ob wir einen Muskel gerade angespannt haben oder ihn locker lassen und können den Spannungszustand bewusst regulieren. Das ist wichtig, da Muskeln nur dann optimal funktionieren, wenn sie einen regelmäßigen Wechsel von An- und Entspannung erfahren.

Bei Störungen im sensomotorischen System wie der sensomotorischen Amnesie sind diese Funktionen beeinträchtigt.

Die Schultern schmerzen. Erst beim Blick in den Spiegel fällt auf, dass sie angespannt und stark nach oben gezogen sind. Wahrscheinlich würden die Schmerzen nachlassen, wenn man die Schultern „einfach mal entspannen“ würde. Das funktioniert aber nicht. Selbst mit Konzentration und Anstrengung bleiben sie nahe den Ohren.

SENSOMOTORISCHE AMNESIE

Sensomotorische Amnesie bezeichnet nach Hanna den Verlust von Wahrnehmung und willentlicher Steuerung über Teile unseres Körpers aufgrund einer Störung des Regelkreises von sensorischem und motorischem Teil des Nervensystems.

In der Folge sind die betroffenen Areale und Muskelgruppen und die sie umgebenden Faszien (Bindegewebe) chronisch verspannt, verkürzt und in ihrer Funktion eingeschränkt.

Entgegen der häufigen Annahme, die Knochen oder ein eingeklemmter Nerv würde weh tun, sind es häufig verspannte Muskeln und Faszien, die Schmerzen und Missempfindungen verursachen.

In chronisch verspannten Muskeln bilden sich mit der Zeit stark verkrampfte Stellen heraus, sogenannte myofasziale Triggerpunkte. Diese verursachen oft dumpfe bis brennende Schmerzen, die weit ausstrahlen können. So findet man bei Kopfschmerzen häufig Triggerpunkte in der Muskulatur von Hals, Nacken und Gesicht. Bei Schmerzen in den Schultern und Armen finden sich Triggerpunkte in den Nacken- oder Brustmuskeln. Schmerzen in den Füßen können z.B. durch Triggerpunkte im Rücken oder in den Gesäßmuskeln hervorgerufen werden.
Auch verkürzte, verspannte Faszien können starke Schmerzen verursachen aber auch Missempfindungen wie Taubheit, Kribbeln, Ameisenlaufen, Hitze- oder Kältegefühle.

Faszien sind ein Binde- und Stützgewebe, dass jeden Muskel umspannt. Die Oberflächenfaszien umhüllen uns komplett. Faszien verfügen über ein eigenes Netz von Sensoren, die dem Körperbewusstsein dienen und uns vielfältige Empfindungen ermöglichen.
Gesunde Faszien sind wie ein lockeres 3D-Netz und sind damit stark elastisch.

Durch verschiedene Prozesse bilden sie Querverbindungen zwischen den Fasern aus, verkürzen, verdicken, werden unelastisch und erinnern unter dem Mikroskop mehr an ein festes Stück Filz als an ein lockeres Netz.

SENSOMOTORISCHE AMNESIE IST ERLERNT

Um sich an die ständig wechselnden Anforderungen unserer Umwelt anzupassen,
registriert unser sensomotorisches System in erster Linie Veränderungen. Dauerhafte Zustände oder häufig wiederkehrende Bewegungs- oder Anspannungsmuster werden nach kurzer Zeit als normal abgespeichert. Der neue Normalzustand entzieht sich unserer Wahrnehmung und unserer willentlichen Steuerung. An diesem Punkt sprechen wir von sensomotorischer Amnesie. Meist werden die Veränderungen erst dann wahrgenommen, wenn sie durch chronisch verspannte Muskeln und verklebte, unelastische Faszien Symptome- wie Schmerzen, Funktions- und Bewegungseinschränkungen- verursachen.

URSACHEN UND AUSLÖSER DER SENSOMOTORISCHEN AMNESIE

Es gibt unzählige ursächliche Faktoren für die Ausbildung der sensomotorischen Amnesie.
Einige häufige Faktoren sind:

  • ungünstige Angewohnheiten und Bewegungsmuster z.B. zu niedriger Monitor am Arbeitsplatz, bei Stress die Luft anhalten, Beine hinter das Stuhlbein klemmen, Handtasche nur auf einer Seite tragen, beim Gehen das Becken und die Schultern nicht bewegen
  • Unfälle und Operationen, selbst wenn sie lange zurück liegen
  • chronischer Stress, ein ungünstiges Lebensumfeld, ungünstige Gedanken und Einstellungen (z.B. Perfektionismus, soziale Ängste)

ERKRANKUNGEN UND STÖRUNGSBILDER

Die sensomotorische Amnesie ist ein wichtiger ursächlicher Faktor für eine Vielzahl von Störungen und Erkrankungen. Die Sensomotorische Amnesie verursacht z.B. chronische Schmerzzustände wie Kopf-, Rücken- oder Knieschmerzen, Fehlhaltungen wie ungleicher Beinlänge oder Hohlkreuz oder Funktionseinbußen wie steife Schultern oder Knie.

Die Sensomotorische Amnesie ist beteiligt bei vielen Störungsbildern aus dem psychischen oder psychosomatischen Formenkreis wie chronische Erschöpfungszustände, Depressionen oder Angst- und Panikstörungen. Auch bei vielen sogenannten „unerklärlichen Beschwerden“, also Beschwerden bei denen sich aus ärztlicher Sicht keine nachvollziehbare körperliche Ursache als Erklärung finden lässt, spielt die sensomotorische Amnesie eine wichtige Rolle. Häufige Störungen und Beschwerden sind hier z.B. das Kloßgefühl im Hals, Kribbeln oder Taubheit von Gliedmaßen ohne nachweisbare organische Ursache, Tinnitus, Schwindel und Gleichgewichtsstörungen oder Beschwerden des Beckenbodens.

SENSOMOTORISCHE AMNESIE IST VERLERNBAR

Weil die sensomotorische Amnesie eine erlernte, adaptive Reaktion des Organismus ist, kann sie wieder aufgehoben werden. Dazu muss „Verlerntes wieder erlernt und Vergessenes erinnert werden“ (Hanna). In den letzten Jahrzehnten wurde eine Reihe von Therapieansätzen entwickelt, deren gemeinsames Ziel das Ver- bzw. Überlernen der sensomotorischen Amnesie ist.

Zu diesen Ansätzen gehören u.a.

  • Rolfing (Fokus auf reiner Faszienbehandlung),
  • Feldenkrais und Alexander-Technik (Fokus auf achtsamem und therapeutengeleitetem „Ausprobieren“ von Bewegungen)
  • in Ansätzen auch pychologische achtsamkeitsbasierte Ansätze, z.B Mindfulness Based Stress Reduction nach John Kabat Zinn (Fokus u.a. auf Entspannung und Körperwahrnehmung)
  • Hanna Somatic Education (sensomotorische Übungen und Hanna Pandiculations)

SENSOMOTORISCHE KÖRPERTHERAPIE NACH DR. HELGA POHL

Die sensomotorische Körpertherapie (SMKT) nach Dr. Helga Pohl setzt den Fokus auf Hanna Somatic Education und integriert verschiedene wirkungsvolle Elemente weiterer Therapieformen. Alle Elemente wurden über Jahrzehnte systematisch weiterentwickelt und um eine eigene Form der Faszienbehandlung ergänzt. Somit ist die SMKT ein umfassender und effektiver Therapieansatz zur körpertherapeutischen Behandlung einer Vielzahl von Beschwerden.